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Literaturwettbewerb 2022 der Gruppe 48 e.V.

Die Gruppe 48 e.V. (Rösrath, Nordrhein-Westfalen) startet ab sofort (1.11.2021; Einsendeschluss: 28.2.2022) ihren Literaturwettbewerb 2022. Es gibt mehrere (Geld-)Preise im Gesamtwert von €14.000,00 für Lyrik und Prosa ohne Altersbegrenzung sowie einen Förderpreis für Autor*innen unter 18 Jahren zu gewinnen.

Neben diesen Preisen veröffentlicht die Gruppe 48 auch einen Sammelband (ca. 50 Autoren und Autorinnen) mit den ausgewählt besten Arbeiten im Mackingerverlag.

Näheres unter:  https://www.die-gruppe-48.net

Akademie für Literatur

Die Leondinger Akademie für Literatur ist ein im deutschsprachigen Raum einzigartiger Lehrgang, der sich in monatlich stattfindenden Wochenend-Workshops und mittels kontinuierlicher Online-Feedbacks sowohl auf praktischer als auch theoretischer Ebene mit dem Spezifischen des Mediums Literatur beschäftigt. In Diskussionen und Analysen eigener und ausgewählter fremder Texte sollen Sprachbewusstsein und -sensibilität gefördert werden.

Künstlerische Leitung: Gustav Ernst und Karin Fleischanderl

Näheres unter: https://www.literatur-akademie.at

Glücklich ist, wer vergisst

Rede von Kurt Palm am 26. Oktober 2021 bei der Gedenkkundgebung für die Opfer des Nationalsozialismus am Kommunalfriedhof Salzburg

In der österreichischen Nationaloperette, „Die Fledermaus“, gibt es ein Duett, das bezeichnenderweise „Trinklied“ genannt wird, und in dem es heißt: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Mir scheint, dass dieser Wahlspruch besser zu Österreich passt, als die Zeilen aus der Bundeshymne:
„Heimat bist du großer Söhne,
Volk begnadet für das Schöne.“
Meiner Meinung nach definiert sich Österreichs Identität nach 1945 nämlich eher über das Vergessen und das Verdrängen, als über die großen Söhne (auf die Töchter hat man damals ganz bewusst vergessen) oder über das Volk, das angeblich für das Schöne begnadet ist.
An dieser Stelle wäre ohnehin gleich einmal anzumerken, dass wir für die Schönheit unseres Landes nichts können, weil dafür in erster Linie die Eiszeit verantwortlich ist. Im Gegensatz dazu sind wir aber sehr wohl verantwortlich für den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus. Und da stellt sich dann rasch heraus, dass das österreichische Volk nicht nur für das Schöne, sondern auch für das Grausame begnadet ist. Aber dieses Faktum verdrängen wir lieber, weil es so gar nicht zum Klischee des gemütlichen Österreichers passt, der seine Bestialität gerne hinter der Maske der Harmlosigkeit verbirgt.
Im Vergessen, Verdrängen und Verschweigen waren die Österreicher immer schon Weltmeister und nicht zufällig heißt das Dorf in Hans Leberts Roman „Die Wolfshaut“ Schweigen. Der Name steht metaphorisch für das Verschweigen eines kollektiven Verbrechens am Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich später bitter rächen sollte und das ganze Dorf in den Abgrund ziehen wird. So heißt es an einer Stelle im Roman: „Schweigen ist die vernichtende Antwort auf alles.“ In Hans Leberts Buch steht das Dorf Schweigen stellvertretend für Österreich, das in den Geruch des Todes getränkt ist und als Kloake bis zur Kenntlichkeit entstellt wird.
In dieser Atmosphäre des Verschweigens, Verdrängens und Vergessens bin ich in Oberösterreich aufgewachsen und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen im Jahr 1973, wo ich mich anschließend fragte, wie es sein konnte, dass man nach dem Krieg die unfassbaren Verbrechen, die in diesem Lager begangen wurden, derart radikal aus dem kollektiven Gedächtnis Österreichs verdrängen konnte. Ich war damals 18 Jahre alt und für mich war es absolut unverständlich, dass wir in der Mittelschule weder über die Verbrechen des Nationalsozialismus im allgemeinen noch über die Gräuel im Konzentrationslager Mauthausen im besonderen etwas erfahren haben. Dass dieses Verschweigen Teil der Nicht-Auseinandersetzung des offiziellen Österreich mit dem Nationalsozialismus war, habe ich erst später verstanden.
Einer, der mir dabei die Augen geöffnet hat, war merkwürdigerweise Thomas Bernhard, der in seinen autobiographischen Schriften, in denen Salzburg quasi die Hauptrolle spielt, immer wieder auf die verheerenden Auswirkungen des Krieges zu sprechen kommt. Selten hat ein Schriftsteller das ganze Elend dieser Zeit so präzise beschrieben wie Thomas Bernhard: „Der Krieg war nur an der Oberfläche schon aus, in den Köpfen der Leute wütete er aber weiter“, schreibt er in der „Ursache“.
Und in seinem Buch „Die Kälte. Eine Isolation“ heißt es einmal: „Jetzt, ein paar Jahre nach dem Krieg, waren wir doch nicht davongekommen, jetzt schlug das Entsetzlichste zu, hatte uns eingeholt, wie wenn es uns auf einmal urplötzlich zur Rechenschaft gezogen hätte.“
Thomas Bernhard wusste, dass in Österreich nach dem Krieg Gemeinheit und Niedertracht gesiegt hatten, und dass jede Hoffnung auf einen Neubeginn durch das kollektive Verdrängen der Verbrechen des Nationalosozialismus bereits im Keim erstickt wurde. In der Ursache“ merkt Thomas Bernhard einmal an: „Die Zeit macht aus ihren Zeugen immer Vergessende.“
Zugegeben, es ist ein hartes Urteil, das Thomas Bernhard da fällt, aber ich fürchte, dass er damit grundsätzlich recht hatte. Sofort nach Kriegsende haben die Täter und Mitläufer die Deutungshoheit für sich in Anspruch genommen und die Losung von der „Stunde Null“ ausgegeben. Damit war der Geschichtsfälschung Tür und Tor geöffnet und aus den Tätern wurden auf wundersame Weise Opfer. Österreich war also nicht nur das Land der Berge, das Land am Strome, das Land der Äcker und das Land der Dome, sondern auch das Land der Opfer. Jahrzehntelang wurde der Mythos von Österreich als Hitlers erstem Opfer quasi zur Staatsdoktrin erklärt, wodurch man sich von jeder Mitschuld und Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus freigesprochen hat.
Dabei hätte ein Blick auf die Biographien jener Personen genügt, die während der Zeit des Nationalsozialismus auf allen Ebenen des Staates und der Verwaltung in führenden Positionen tätig waren, um zu wissen, wie hoch der Anteil von Österreicherinnen und Österreichern an den Nazi-Verbrechen war.
Bezeichnend in diesem Zusammenhang sind die Erinnerungen des griechischen Dramatikers und Schriftstellers Iakovos Kambanellis, der über seine zweijährige Haft im Konzentrationslager Mauthausen ein Buch mit dem Titel „Die Freiheit kam im Mai“ geschrieben hat. Darin berichtet Kambanellis nicht nur sehr detailliert über die täglichen Gräuel im Lager, sondern auch über die Rolle, die österreichische Aufseher gespielt haben. Kambanellis schreibt:
„Für uns waren Österreicher und Deutsche ein und dasselbe. Wir hatten keinen Unterschied gemerkt. Im Gegenteil, wir hatten am eigenen Leib gespürt, dass das Märchen vom gutherzigen Österreicher die Wahrheit auf den Kopf stellte. Wir hatten im Lager einen Haufen SSler vom idyllischen Land des Walzers, der Operette, der Striezel und der Powidltatschgerl gehabt, die zu den schlimmsten gezählt hatten.“
Kambanellis’ Erinnerungen enden aber nicht am 5. Mai 1945, dem Tag der Befreiung des KZs Mauthausen durch amerikanische Truppen, sondern im August 1945, und zeigen dadurch auf erschütternde Weise, wie fließend der Übergang vom Nationalsozialismus zur Nachkriegszeit tatsächlich war.
Kambanellis, der übrigens den Text zur „Mauthausen-Kantate“ von Mikis Theodorakis geschrieben hat, erinnert sich: „Die Einheimischen hatten sofort nach der Befreiung ihr Dorf wieder in Besitz genommen. Mauthausen war wieder zu dem Ort geworden, an dem wir vorbeigekommen waren, als sie uns in das Lager geführt hatten.“
Erst im August 1945 verließ Kambanellis Mauthausen und das Erschütternde an seinen Schilderungen ist, dass die Bevölkerung nach der Befreiung des KZs am 5. Mai 1945 so getan hat, als hätte sie keine Ahnung von den Vorgängen im Lager gehabt. Die ehemaligen Häftlinge wurden sogar als Störfaktoren betrachtet, denen man deutlich zu verstehen gab, dass sie im Ort nicht erwünscht waren, und man es lieber gesehen hätte, wenn sie wieder hinter den Lagermauern verschwunden wären.
Niedertracht und Gehässigkeit waren die vorherrschenden Eigenschaften der Einheimischen, die mit den ehemaligen Häftlingen allerdings sehr wohl Geschäfte machten. Der Krieg war zu Ende und die Täter und Mitläufer hatten für ihr Verhalten rasch eine Rechtfertigung gefunden, wofür jahrzehntelang eine Phrase herhalten musste, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit gedroschen wurde: „Ich habe nur meine Pflicht getan.“ Aus dieser Logik heraus wurden diejenigen, die ihre Pflicht nicht getan hatten und beispielsweise in den Widerstand gingen, desertiert sind oder ins Exil getrieben wurden, als „Verräter“ denunziert.
Und hier komme ich wieder auf Thomas Bernhard zurück, der in der „Ursache“ Salzburg sehr treffend als Stadt bezeichnet, die ihre Erinnerung an den Krieg ausgelöscht hat. Er schreibt weiter, dass in Salzburg scheinbar alle ihr Gedächtnis verloren haben und nichts mehr wissen wollen von den vielen zerstörten Häusern und den vielen Toten. Und wenn er die Leute darauf ansprach, reagierten sie nur mit Kopfschütteln.
Viele derjenigen, die damals ihr Gedächtnis verloren haben, waren berühmte Künstler, die während der Nazizeit bei den Salzburger Festspielen eine steile Karriere machten, weil sie entweder erklärte Parteigänger oder zumindest Sympathisanten und Nutznießer des Nationalsozialismus waren. Ich nenne stellvertretend den Komponisten Richard Strauss oder die Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm, Clemens Krauss oder Hans Knappertsbusch, die nach 1945 zwar für kurze Zeit mit Berufsverbot belegt wurden, wenig später aber umso glorreicher auf die Festspielbühne zurückkehrten, weil sie glaubhaft machen konnten, dass sie sich an ihre Rolle während der Nazizeit nicht mehr erinnern konnten. Auch nicht daran, dass sie aus Anlass der sogenannten Führer-Geburtstagsfeiern immer wieder am Dirigentenpult verschiedener Orchester standen oder bei den Festspielen sogenannte „Kraft-durch-Freude-Konzerte“ dirigierten. Einer, der nach dem Krieg in Salzburg ebenfalls mit offenen Armen empfangen wurde, war Herbert von Karajan, der bereits 1933 Mitglied der NSDAP wurde, und der später die Festspiele vierzig Jahre lang entscheidend prägen sollte. Alle genannten Dirigenten standen übrigens auf der von Hitler persönlich genehmigten Gottbegnadeten-Liste, die sie vor einem Kriegseinsatz bewahrte.
Wie sehr die Nutznießer des Nationalsozialismus nach dem Krieg die Wirklichkeit verdrehten, zeigt ein Interview, das der Dirigent Karl Böhm noch 1979 dem „Kurier“ gab, in dem er sagte: „Die anderen, die in die Emigration gegangen sind, hatten es ja eigentlich besser als ich, der ich zu Hause geblieben bin. Sie hatten keine Bombenangriffe zu überstehen; sie hatten Arbeit.“
Das behauptete einer, der in Wien kurz nach der Okkupation Österreichs bei einem Konzert der Wiener Symphoniker das Publikum mit dem Hitlergruß begrüßte und am Beginn des Konzerts das Horst-Wessel-Lied dirigierte. Kein Wunder also, dass Karl Böhm noch im August 1943 im Großen Festspielhaus Beethovens 9. Sinfonie mit Schillers „Ode an die Freude“ als Durchhaltestück dirigierte.
Und noch einmal zitiere ich Thomas Bernhard, der in der „Ursache“ schreibt: „Der Geist dieser Stadt ist also das ganze Jahr über ein katholischnationalsozialistischer Ungeist, und alles andere Lüge. Im Sommer wird unter dem Namen Salzburger Festspiele in dieser Stadt Universalität geheuchelt und das Mittel der sogenannten Weltkunst ist nur ein Mittel, über diesen Ungeist als Perversität wegzutäuschen, wie alles in den Sommern hier nur ein Wegtäuschen und ein Wegheucheln und ein Wegmusizieren und ein Wegspielen ist, die sogenannte Hohe Kunst wird in diesen Sommern von dieser Stadt und ihren Einwohnern für nichts anderes als ihre gemeinen Geschäftszwecke missbraucht, die Festspiele werden aufgezogen, um den Morast dieser Stadt für Monate zuzudecken.“
Vor diesem Hintergrund ist es auch kein Wunder, dass Bertolt Brechts Bemühungen um eine geistige Erneuerung der Salzburger Festspiele von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Zur Erinnerung: Der staatenlose Bertolt Brecht, der fünfzehn Jahre seines Lebens im Exil verbringen musste, war im Oktober 1948 zum ersten Mal nach Salzburg gekommen, um hier Gespräche über ein Engagement bei den Festspielen zu führen, ohne zu realisieren, dass sich die Festspiele durch die Rückkehr der Nazi-Günstlinge Karajan, Furtwängler, Böhm und Co. künstlerisch längst in eine andere Richtung entwickelt hatten. Aufgrund einer Aneinanderreihung von Missverständnissen bekam Brecht von der Salzburger Landesregierung zwar die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen, eine Chance, bei den Festspielen zu arbeiten, hatte er aber nicht.
Im Zusammenhang mit der sogenannten Brecht-Affäre möchte ich an dieser Stelle auch daran erinnern, dass der damalige ÖVP-Landeshauptmann von Salzburg, Josef Klaus, sich noch 1954 vehement gegen „die Verjudung der Festspiele“ ausgesprochen hatte. Geschadet hat ihm diese Aussage nicht, war er doch von 1964 bis 1970 Bundeskanzler der Republik Österreich. 1970 trat Josef Klaus bei den Nationalratswahlen übrigens als „echter Österreicher“ gegen Bruno Kreisky an, der als Emigrant und Jude dieses Attribut wohl nicht verdiente.
Dass in Salzburg nach den Nazi-Sympathisanten Herbert von Karajan, Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler oder Richard Strauss Straßen oder Plätze benannt wurden, nicht aber nach Bertolt Brecht, ist auch symptomatisch für den Geist bzw. Ungeist, der nach wie vor in dieser Stadt herrscht.
Genau aus diesem Grund möchte ich auch mit Bertolt Brechts Gegenstimme enden, der in seiner „Kriegsfibel“ in Bezug auf Hitler und den Nationalsozialismus einmal schrieb:
„Das da hätt’ einmal fast die Welt regiert.
Die Völker wurden seiner Herr. Jedoch
Ich wollte, dass ihr nicht schon triumphiert:
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Lesetipp

Peter Pilz: Kurz – ein Regime.
Verlag Kremayr & Scheriau, 2021, 255 Seiten, ISBN 978-3-218-01257-7.

Wenn jemand glaubt, in diesem Buch etwas Neues zu finden – dann findet er/sie es genau hier. Es geht um den (früheren Kanzler) Sebastian Kurz. Viele haben bereits die Übernahme der ÖVP als einen Putsch gesehen („Aus Schwarz mach Türkis“), neu ist auch der politische Stil, das konzertierte Vorgehen einer Gruppe ranghoher Politiker und ihrer Helfershelfer. Bekannt war vieles aus den Tageszeitungen, aber Peter Pilz hat es geschafft aus den zahlreichen Bruchstücken ein kohärentes Bild vorzustellen, das einen schauern und schaudern, vor allem aber durchblicken lässt. Das Buch ist bestens lesbar, nirgendwo findet man persönlich motivierte Rachegedanken, nirgendwo den unsympathischen ´Polit-Sprech´, denn dafür ist die Sache zu ernst. H.M.